Projekt: Grabow – ein Dorf erzählt seine Geschichte
Video-Interview mit Günter Janz
Zusammenfassung von Alexander v. Plato
Interviewer: Alexander v. Plato, Heinz A. Schweig
Ton, Kamera und Technik: Heinz A. Schweig
Datum der Gespräche: 19. November und 4. Dezember 2025
Dauer des ersten Gesprächs: ca. 1 Stunde + 30 Minuten
Ort: die Privatwohnung von Günter Janz
Ringstr. 2, 29439 Lüchow-Grabow
Außer uns beiden nahm auf seinen Wunsch hin seine Tochter Cordula Janz am Gespräch teil.
Günter bevorzugte als Form des Interviews gezielte Fragen meinerseits, wollte also nicht seine Lebensgeschichte frei erzählen.
Ich begann unser Gespräch mit einer Frage nach Günters Geburt und familiärer Herkunft Er wurde am 20. November 1937 (also morgen am Folgetag des heutigen Interviews) in Kröxen, Westpreußen, geboren. Fast übergangslos erzählte er sofort von der Flucht, die er am 5. Januar 1945 als Siebenjähriger mit seinen Eltern, seinem Großvater und fünf Geschwistern (er war der Jüngste von vier Jungen und zwei Mädchen) die Flucht antreten musste, und zwar in einer Kolonne von sieben Trecks über die vereiste Oder, wo einige Fahrzeuge einbrachen, was Menschenleben forderte. Er erinnert sich, dass an der Dömitzer Brücke über die Elbe ein Polizist sie aufhalten wollte, weil die Elbebrücke durch Flugzeuge bombardiert werden sollte. Sein Vater trieb jedoch die Pferde an, so dass die Kolonne noch über die Brücke kam. Während der Flucht verstarb sein Großvater in einem Hotelzimmer.
Nach der Flucht fand die Familie zunächst in Göttin, einem Nachbardorf von Grabow, für etwa ein halbes Jahr Unterschlupf in einem gereinigten Hühnerstall. Sein Vater, der bereits in Westpreußen bei der Reichsbahn gearbeitet hatte, fand bald eine Anstellung bei der Bahn in Grabow. Dies ermöglichte der Familie den Umzug nach Grabow, wo sie anfänglich fast zwei Jahre im Wartesaal des Bahnhofsgebäudes lebte. Günter berichtete, wie sein Vater zunächst täglich zu Fuß von Göttin nach Grabow zur Arbeit ging, da es keine anderen Transportmittel gab. Später zogen sie innerhalb des Bahnhofsgebäudes in eine kleine, aber komplette separate Wohnung. Die ursprüngliche Absicht, weiterzuziehen, wurde durch eine Blinddarmoperation seines Bruders Werner in Dannenberg vereitelt, wodurch sie in Grabow blieben.
Sein Vater verstarb bereits Anfang der 1950er (Günter korrigiert sich später: Anfang der 1960er Jahre), kurz nachdem er ein Grundstück gekauft hatte. Günters Mutter wurde also Witwe mit mehreren noch nicht ganz erwachsenen Kindern. Die älteren Geschwister wie Irmgard, Traute, Gerhard, Hubert und Werner verließen das Elternhaus schon früh, oft mit 13 bis 15 Jahren, um durch Arbeit bei Bauern oder in anderen Berufen zum Familieneinkommen beizutragen. Günter beschrieb das damalige Überleben als Kampf, bei dem sie sich von Lebensmittelmarken und selbst gesammelten Kartoffeln ernährten und Schweine halten konnten.
Seine Schulzeit in Grabow begann 1946 im Alter von acht/neun Jahren. Er erinnerte sich an verschiedene Lehrer, darunter Bohlmann (nur kurz), den strengen Tribian und den freundlichen und ruhigen Kutz. Er hatte hauptsächlich einheimische Freunde wie Adolf Soltau, Karl Hildebrandt, Dieter Braunschweig und Erika Wolfrath. Als ich mich wunderte, dass er nur einheimische Freunde erwähne, aber keine Flüchtlinge, meinte er, es hätte ja kaum Flüchtlinge in Grabow gegeben. Das stimmte nicht, weil sowohl im Dorf wie auf den beiden Gütern viele Flüchtlinge einquartiert worden waren. Auf meine Frage, ob er als Flüchtling schlecht behandelt wurde, verneinte er dies im Großen und Ganzen, merkte aber an, dass es nicht immer einfach war und die Einheimischen selten etwas umsonst gaben. Er schloss die Schule vermutlich 1952/53 ab. Schularbeiten waren damals zweitrangig, wichtiger war es, die Familie zu ernähren. Es half ihm auch niemand bei den Schularbeiten.
Nach der achtklassigen Schule absolvierte Günter eine dreijährige Lehre zum Schmied bei Bolz in Lüchow (1952-1955), da dies eine der wenigen verfügbaren Stellen war. Er verdiente anfangs 30-35 D-Mark, später 40 D-Mark, und legte den Weg nach Lüchow zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Er beschrieb das Leben Zuhause als „locker“, in dem ihm niemand Vorschriften machte, beispielsweise wann er abends zurück sein musste. Er genoss Schützenfeste und Tanzveranstaltungen in Grabow und den Nachbarorten, oft in Gruppen mit anderen Jungen.
Abschließend erwähnte er viele weitere Kneipenbesuche und Tanzveranstaltungen, auch die damals noch vollen Schützenfeste im Dorf, auf denen unter anderem beide Gnades (Vater Fritz und Sohn Walter) gespielt hätten. Es wurde früh viel geraucht und getrunken. Über seine ersten Annäherungen an das weibliche Geschlecht wollte er nicht viel reden – vielleicht weil seine Tochter anwesend war. Seine spätere Frau lernte er bereits in der Schulzeit als Schwester der Freundinnen seiner Brüder kennen und heiratete sie 1964 wie zwei seiner Brüder ihre Schwestern.
Am Ende des ersten Gesprächs berichtete Günter, dass er erst spät aufgrund gesundheitlicher Probleme (ein versteckter Herzinfarkt) das Rauchen (damals mehr als 13-15 Zigaretten täglich) und Trinken komplett aufgegeben hatte. Er verglich die damalige Feierkultur als gemütlicher und gesellschaftlicher im Vergleich zu heute, auch wenn die Alten damals ihre Rollen hatten und die Jungen gerne in Kneipen wie in Karmitz unterwegs waren. Die Kommunikation für Verabredungen erfolgte damals mündlich, da Handys und Telefone nicht existierten. Konflikte zwischen Nachbarn gab es auch, aber man vertrug sich schnell wieder bei einem Bier an der Theke. Aber diese Theke bzw. Dorfkneipe existiere ja auch nicht mehr.
Insgesamt zeichnete Günter das Bild einer harten, aber auch gemeinschaftlichen Jugend in der Nachkriegszeit, geprägt von Zusammenhalt und dem Aufbau einer Existenz unter schwierigen Bedingungen.
Nach anderthalb Stunden brachen wir das Gespräch ab und verabredeten uns für eine Fortsetzung eine Woche später.
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2. Sitzung am 4.12.2025
Dieselbe Zusammensetzung, derselbe Ort.
Dauer des Gesprächs: 1,5 Stunden.
Zwei Fragen vom letzten Mal:
War bzw. blieb der Vater während des Krieges bei der Reichsbahn oder wurde er „normal“ eingezogen? Antwort: Er blieb während der ganzen Kriegszeit bei der Reichsbahn.
Von wem kaufte der Vater das Haus und Grundstück in Grabow, auf dem sie heute noch leben? Antwort: von „Dragoner Schulz“.
Weiter mit dem Arbeitsleben von Günter Janz:
Nach dem Abschluss der Schmiede-Lehre bei Bolz in Lüchow, ging er 1956 für „etliche Jahre“ ins Ruhrgebiet in ein Bahnausbesserungswerk, wohin er sich von Grabow aus beworben hatte. Der Hauptgrund war das Geld, also der höhere Lohn, der dort bezahlt wurde, nämlich 50,00 DM wöchentlich plus das Geld aus der monatlichen Endabrechnung, zusammen etwa 270 DM im Monat. Mindestens ein Bruder, wahrscheinlich sogar zwei, waren schon in der Region. Untergebracht war er in einem Arbeiterheim – nur Männer. Einmal wöchentlich fuhr er nach Grabow zu seiner Familie und zu seiner späteren Frau. Nach ungefähr zehn Jahren und einigen anderen Stellen kehrte er nach Grabow zurück, war hier bei verschiedenen Firmen in unterschiedlichen Branchen beschäftigt. Als seine Hauptarbeit begriff er aber wohl den Hausbau, denn der Vater hatte inzwischen das Grundstück und das Haus mit Scheune gekauft, starb aber schon 1964, sodass Günter hauptsächlich allein bzw. mit Freunden ein neues Haus baute und das alte renovierte. Seine Brüder lebten bereits woanders. Der eine – Hubert – war Friseur, der andere – Werner – war Maurer-Polier. Im selben Jahr heiratete Günter und zog mit seiner Frau in ihr heutiges Haus. Er kannte sie seit dem Konfirmationsunterricht, seine beiden Brüder heirateten deren Schwestern. Seine Frau wollte ursprünglich Friseurin werden. Da aber nur eine Schwester eine Ausbildung machen konnte, war dies nur der ältesten möglich, während die beiden anderen – darunter auch Günters Frau – in Stellung gehen mussten. So sei das damals üblich gewesen. Sie arbeitete dann in verschiedenen Familien.
Nach der Hochzeit „brauchte“ sie nicht mehr zu arbeiten; denn Günter war nie arbeitslos. Ca. 30 Jahre arbeitete er bei den Bikowskis, die aus dem großen Haus des Obergutes ein Kinderheim und später eine Schule gemacht hatten, als Hausmeister. Bald machte seine Frau den Personalkindergarten im Kinderheim als fest Angestellte.
Mit den Heim- bzw. Schulkindern war es einerseits sehr schön – Günter erzählt einige witzige Geschichten –, andererseits auch nicht immer einfach. Wenn Schüler ihm Streiche spielten, zahlte Günter mit gleicher Münze zurück. So berichtete er, dass er Kinder an eine bestimmte Stelle pinkeln ließ; da war jedoch ein Elektrozaun. Wer darauf pinkelte bekam natürlich einen Schlag. Ein anderes Mal ließ er vier Kinder einen Draht anfassen und sich dabei an den Händen halten. Als Strom eingeschaltet wurde, bekam der letzte zu dessen Erstaunen einen elektrischen Schlag, die anderen nicht,
1965 wurde die (anwesende) Tochter Cordula geboren. Sie wuchs in dem Haus der Eltern auf, war dann aber viel bei der Mutter im Kinderheim oder bei der Großmutter. Sie machte die Grundschule in Grabow bei Tribian, dann in Lüchow – eine „lästige Zeit“, Biologie und Erdkunde waren ihre Lieblingsfächer. Dann wurde Altenpflegerin (2 Jahre in Berlin, 6 Jahre an der Ostsee). Später machte sie von Grabow, wo sie wieder zu Hause wohnte, aus ein Nagelstudio auf, auch für Fußpflege, 16 Jahre lang. Heute ist sie 60 und macht die häusliche Pflege bei ihrem Vater, der inzwischen Witwer ist.
In dem Haus, das sie von „Dragoner-Schulz“ gekauft hatten, wurden von Beginn an, also auch schon vor dem und während des Krieges, Zimmer in der oberen Etage vermietet, u.a. an Gerands, Steins, Schlags. In den Erzählungen dazu kommt heraus, dass fünf Grabowerinnen von in Grabow stationierten Wehrmachtssoldaten geschwängert worden waren, die sich bei Kriegsende aus dem Staub gemacht hätten. Das berichtet Heinz A. Schweig, darunter Helga Schweig aus Beutow, Renate Gerand und Inge Schlag aus Grabow.
Bei den eher kleinen Kämpfen von Bohlmann und HJlern um das Kriegsende herum brannten eine Scheune bei Braunschweigs ab, eine bei Kaisers, eine auf dem Untergut.
Günter Janz war sehr früh aktiv im Schützenverein, schon vor seiner Hochzeit, lange als Kommandeur und 2. Vorsitzender. Er war zwei Mal Schützenkönig, 1970 und 2000. Die Kosten für den König seien nicht sehr hoch gewesen, da es früher z.B. kein großes Essen für das Dorf gab, wie das später der Fall war. Der König wurde früher eher durch das Schießen ermittelt, später eher durch vorherige Absprache. Vermutlich seit ca. 30 Jahren gibt es auch eine Frauen-Schützengruppe. Dennoch ist die Bedeutung des Schützenvereins in den letzten Jahren etwas zurückgegangen. Momentan gibt es das Schützenfest gar nicht. Zwischen Günter und Heinz A. Schweig ergab sich eine Debatte über die Gründe: Günter meinte, dass der Verein immer noch eine relative Bedeutung im Dorf habe, Heinz meinte, dass es seit den 1970er Jahren Generationenkämpfe waren. Welches die inhaltlichen Hauptpunkte dieser generationellen Auseinandersetzung waren, blieb mir unklar.
Cordula meinte, dass das Engagement ihres Vaters für den Schützenverein stärker war als dasjenige für die Familie. Der Verein habe immer Vorrang gehabt. Günter war auch noch in anderen dörflichen Vereinen wie z.B. bei der Feuerwehr, aber all dies kam nach dem Schützenverein. Andere Engagements wie z.B. kirchliche, politische oder früher gewerkschaftliche spielten in seinem Leben keine Rolle. Insgesamt schätzt er sich als Sozialdemokrat ein, wenn er auch manchmal anders gewählt hätte, seine Tochter sieht das genauso.
Dies war das Ende des eigentlichen Interviews.
Wir verabredeten uns jedoch für eventuelle Ergänzungen und Korrekturen dieser Zusammenfassung und für das Abholen der unterzeichneten Einverständniserklärung in naher Zukunft. Das ist inzwischen geschehen.