Projekt: Grabow – ein Dorf erzählt seine Geschichte., Video-Interview mit
Ingrid Tobias, geb. Schweig
Alexander v. Plato
Interviewer: Alexander v. Plato, Heinz A. Schweig
Ton, Kamera und Technik: Heinz A. Schweig
Datum des Gesprächs: 3. September 2025
Dauer des Gesprächs: ca. 2 Stunden
Ort: die Privatwohnung der Familie Tobias
An dem Berg 1
29439 Lüchow-Jeetzel
Kurzbiographie
Ingrid Tobias wurde 1938 in Gohlau im Krs. Lüchow-Dannenberg als 3. Kind (und 3. von vier Schwestern) der Familie Schweig geboren. Der Vater (Jahrgang 1897) war Bergmann im Kali-Abbau in Wustrow, Landwirt, Imker und Soldat im Ersten und Zweiten Weltkrieg (von 1939 bis 1941); von 1941 bis 1945 arbeitete er in Neutramm bei der V1- und V2-Montage; 1945 ff. wurde er von amerikanischen Frontsoldaten als Bürgermeister von Grabow eingesetzt, wurde später Gemeindevorsteher. Die Mutter (1905 – 1945) war nach der Schule in Stellung gegangen, nach der Hochzeit wurde sie Hausfrau.
1941 erkrankte die Mutter an TBC, weshalb der Vater nach Hause durfte. Sie kam ins Dannenberger Krankenhaus, wo sie 1945 starb. Während ihrer Abwesenheit übernahm die Großmutter väterlicherseits, die aus dem Nachbardorf Beutow stammte, Haushalts- und Erziehungsfunktionen.
Der Vater heiratete 1946 erneut, und zwar eine 25jährige „Flüchtlingstochter“ aus Ostpreußen, die mit ihrer Mutter in Grabow untergebracht worden war. Sie bekam sechs Kinder, so dass die Familie Schweig aus insgesamt zwölf Personen bestand – und dies in Notzeiten.
1945 wurde Ingrid in Grabow eingeschult und blieb dort bis 1953. Mit fast 19 – also 1957- verließ sie das Elternhaus. Sie ging zunächst noch von Grabow aus in Lüchow in Stellung, dann in Hannover und schließlich wieder in Grabow u.a. im Kneipp-Sanatorium auf dem Obergut.
1962 heiratete sie Dieter Tobias und bekam mit ihm zwei Söhne. Seit 2025 ist sie Witwe.
Zusammenfassung des Interviews (Alexander v. Plato)
Für das Interview machte Heinz A. Schweig nicht nur die Technik, sondern gab auch Stichpunkte und Erinnerungshilfen; denn er ist das jüngste Kind aus der zweiten Ehe des Vaters, also der Halbbruder von Ingrid Tobias, und wusste natürlich viel zur Familiengeschichte und Lebensumstände der Schweigs. Ansonsten waren wir zu dritt allein, nur einmal, während einer Pause, kam der Sohn Martin hinzu, um seiner Mutter und Schorper etwas zu berichten.
Ingrid Tobias wählte nicht die Form eines lebensgeschichtlichen Interviews, sondern die eines Gesprächs: Ich frage, sie antwortet.
Ingrid wurde zwar 1938 in Gohlau geboren, einem Dorf in der Nähe Grabows, aber die Familie lebte vorher in Tolstefanz, wo auch ihre beiden älteren Schwestern Christa (Jg. 1934) und Gisela (1936) zur Welt kamen, und in Platenlaase, wo ihre jüngere Schwester Erika 1941 geboren wurde – übrigens alle per Hausgeburt, „wie es damals üblich war“. Der Vater wurde 1939 – von Platenlaase aus – eingezogen, durfte aber 1940 (1941?) nach Hause, wieder nach Platenlaase, dann noch 1940?? nach Grabow, da seine Frau schwer erkrankt war. Daher arbeitete er von 1941 bis 1945 als Lokführer in Neutramm, von wo aus er V1- bzw. V2-Teile per Werkbahn nach Pudripp zur Reichsbahn brachte. Die Lager und Produktionsstätten in Neutramm sollen übrigens von alliierten Aufklärern deshalb nicht erkannt worden sein, weil sie als ein wendländisches Runddorf gebaut bzw. getarnt waren.
Da die Mutter wegen ihrer TBC in Quarantäne lag, durften die Kinder sie nur alle Vierteljahre besuchen und nur unter eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten. Sie erinnert sich, wie der Vater mit den vier Kindern auf dem Fahrrad nach Dannenberg vor das Krankenhaus gefahren sei; sie durften aber nicht mit rein, sondern mussten der Mutter von unten zuwinken. Trotz der schwierigen Umstände sei es zu Hause sehr lustig zugegangen. Später spricht Ingrid von „einer glücklichen Kindheit“, die sie gehabt habe. Die vier Mädchen mussten alle zu Hause und in der Landwirtschaft bestimmte Aufgaben übernehmen; besonderen Spaß machte Ingrid später das Schleudern des Honigs in der Grabower Mühle, dann in der Scheune von Kuhlo – alles unter Anleitung und Aufsicht der Großmutter väterlicherseits, die deshalb zu ihnen nach Grabow gezogen war.
Als die Mutter 1945 starb, sei sie im Sarg in einem Kastenpferdewagen der Nachbarn Meyer aus dem Krankenhaus nach Grabow gebracht und bei Meyers aufgebahrt worden. Mit demselben Pferdewagen sei es dann zum Gemeindefriedhof in Müggenburg gegangen. Ingrid erzählt die Geschichte so, als ob es neben der Trauer auch ganz lustig gewesen sei. Von einem Ackergaul war sie mal abgeworfen worden, als sie nach der Arbeit auf die Weide ritt. Der Vater sei friedlich, wenn auch jähzornig und streng gewesen, hat aber nie geschlagen von einigen wenigen Ohrfeigen und einmal Schläge mit der Rute abgesehen. Er sei ein Charmeur und sehr verliebt in seine Frau gewesen, beide tanzten gerne und viel in der Umgebung.
Als die Amis schon kurz vor Grabow standen, hat der dörfliche „Obernazi“, Lehrer Bohlmann, eine Sperre gegen sie und deren Panzer befohlen. Diese Sperre, an denen die Schulkinder mitbauten, bestand aber nur aus Schrott und einem Leiterwagen – also nichts, was Panzer aufgehalten hätte. Die Großmutter ließ die Schweigkinder ihre Sachen zusammenpacken und wollte mit ihnen nach Beutow, weil da angeblich die Amis nicht wären. Es war aber andersherum, sie waren bereits dort. Auf dem Weg dahin, wurden sie von den eigenen Jugendlichen beschossen, die von dort aus gegen die Amis kämpfen sollten oder wollten. Als die Amerikaner schließlich einmarschierten, sollte Vater Schweig Spiegeleier für sie machen, war aber so langsam, dass sie ihn verprügelten, ehe sie ihn zum Bürgermeister machten – vermutlich deshalb, weil er kein Nazi gewesen war, sondern Sozialdemokrat. Er blieb dann die nächsten Jahre Bürgermeister.
1945 wurde Ingrid in die Grabower Volksschule eingeschult, eine Zwergschule, in der alle Klassen in einem Raum unterrichtet wurden. Die Mädchen saßen auf der linken Seite, die Jungen auf der rechten, nur getrennt von einem schmalen Gang. Die einen machten Schreibübungen, während die anderen ein Diktat o.Ä. schreiben mussten. Ihr erster Lehrer war Herr Kutz aus Schlesien, der mit seiner Familie im Schulhaus untergebracht war. Er war ein „lieber Mann“, schlug auch nicht. Ingrid hatte viele Schulfreundinnen, auch Freunde wie Volker und Hagen Tritz vom Obergut. Auf Nachfrage zeigte sich, dass es einheimische Mädchen aus Grabow oder Beutow waren, keine Flüchtlingstöchter, obwohl im Lauf der Jahre 1945 bis 1947 viele Flüchtlingsfamilien nach Grabow gekommen waren.
Inzwischen hatte ihr Vater erneut geheiratet, und zwar die 25jährige Flüchtlingstochter Helene Anna, genannt „Lenchen“. Dank des Onkels Erich, der Ingrid bei den Schularbeiten half, war sie gut und gerne in der Schule. Ansonsten hätte sich niemand um ihre Schularbeiten gekümmert. Onkel Erich war der Bruder von „Lenchen“. Er war ebenfalls aus Gumbinen in Ostpreußen nach Grabow gekommen. Vater Schweig hatte Lenchen bei sich einquartiert. Sie und ihre Mutter waren schon früh, nämlich 1944, geflohen, zunächst nach Mecklenburg, dann ins Wendland. Lenchens Vater war im Krieg bei der Organisation Todt (OT) gewesen. Die beiden Frauen hatten sich mit ihm und mit dem Rest der Familie an einem Treffpunkt, nämlich Bochum, verabredet. Warum sie dann nach Grabow kamen, blieb unklar- Die Großmutter aus Beutow und die neue Frau bzw. deren Mutter verstanden sich nicht, so dass die Großmutter väterlicherseits, die bisher die Hauptlast bei den Schweigs getragen hatte, bald auszog.
1947 kam die Halbschwester „Irmchen“ zur Welt, starb aber bald. Es folgten dann insgesamt fünf weitere Kinder, darunter auch der anwesende Heinz-Adolf, genannt Schorper, als Zweitjüngster (Jg. 1954). Die Not der Nachkriegszeit schafften sie durch vielfältige Arbeiten und Nebenjobs. Die Landwirtschaft bestand aus 18 Morgen, auf denen alles Mögliche angebaut wurde; sie hatten sechs Kühe und zwei Fersen, zwei Pferde („Ackergäule“),
Schweine, Gänse und Hühner. Die Kinder molken die Kühe, sammelten Eier und fütterten das Vieh und das Geflügel. Besonderen Spaß machte Ingrid die Imkerei und das Schleudern des Honigs.
Die Töchter aus erster Ehe gingen nach der Volksschule alle in Stellung, zeitweise nach Hannover. Ingrid war nach dem Schulabschluss (1954?) zunächst noch bei den Eltern geblieben, ging aber in Grabow und Lüchow ebenfalls in Stellung. Ingrid fand es sehr merkwürdig, dass sie die Schuhe der Kinder putzen musste. Mit fast 19 verließ sie Grabow, ging ebenfalls nach Hannover zu einer Apothekenfamilie.
Die „erste Liebe“ war ein Referendar oder Praktikant an der Schule, der von einigen Familien zum Essen eingeladen werden musste, auch zu ihnen. Alles harmlos. Zu Jungen hatte sie kaum Kontakt. Erst, als sie tanzen gehen durfte (nach der Konfirmation), gab es einige Kontakte, immer noch harmlos. Sie mussten um 21h zu Hause sein; damit nahm es der Vater sehr genau. Das sei mit heute nicht zu vergleichen. Sie hatte einige Freunde, wie z.B. einen Automechaniker, der ihr half, einen Motorroller zu kaufen und zu fahren.
Dann lernte sie über Herbert Wolfrath dessen Bundeswehr-Kameraden kennen, nämlich Dieter Tobias, den sie heiratete.
Ingrid Tobias (Teil II)
Zusammenfassung von Alexander v. Plato
Beteiligte: wie zuvor
Zeit: 3.3.2026
Neuer Ort: meine Privatwohnung Am Obergut 10, 29439 Lüchow
Dauer: ca. zwei Stunden
Zum Ende der Schulzeit gab es keine Feier – sie hörte einfach auf, und Ingrid begann mit ihren verschiedenen Arbeiten in Lüchow, Hannover und wieder in Lüchow. Dort wohnte sie z. Teil bei den Familien bzw. Stellen, wo sie arbeitete, unter anderem beim Kneipp-Sanatorium auf dem Obergut oder bei der Bäckerei Bertram in Lüchow. Mit Dieter Tobias kam sie sich immer näher, besonders beim Tanzen und Baden in der Jeetzel auf der Obergutschen Badestelle. Mit Dieter zog sie noch unverheiratet zusammen in die Lüchower Johannes-Straße.
1962 heirateten beide in kleinem Kreis mit Eltern und Schwiegereltern. Sie hatten wohl überlegt, die Hochzeit in größerer Runde zu feiern, aber es war ihnen damals zu teuer; sie heirateten auch nur standesamtlich. Dieters Familie stammte ebenfalls (?) aus Gumbinen in Ostpreußen, war drei Jahre alt bei der Flucht. Sein Vater war schon vorher in den Westen gegangen, wo er erneut heiratete, also Bigamist war, und mit der anderen Frau ebenfalls Kinder hatte. So wuchs Dieter ohne Vater auf. Erst nach dem Krieg heiratete die Mutter erneut. Zum leiblichen Vater hatte er niemals wieder Kontakt, auch nicht mit seiner Halbschwester.
Dieter wurde nach seiner Lehre übernommen und machte auch auf dieser Stelle seinen Meister als Maurer (?).
1962 wurde der erste Sohn Martin geboren; er studierte Sportwissenschaften in Köln, arbeitete aber als Wirtschaftsberater. Er lebt eigentlich in Neuß und hat vier Kinder mit verschiedenen Frauen. Heute lebt er nach dem Tod des Vaters zumindest zeitweilig bei seiner Mutter in Jeetzel. Ingrid hat zu den Enkelkindern und den Müttern ein gutes Verhältnis.
1966 wurde der zweite Sohn namens Jörg geboren, letzterer schon in Jeetzel, wohin sie kurz vor der Geburt gezogen waren. Sie kauften dort ein altes Haus, das sie aus- und umbauten. Jörg lebt in Duisburg, wo er als Geschichtslehrer arbeitet, jetzt als Schuldirektor und ist Oberstudienrat. (Kinder??)
1978 machte sich Dieter selbständig. Der Betrieb lief gut, so dass in der Hochzeit vor und nach der „Wende“ bis zu 10 Leute angestellt werden konnten.
Ingrid hatte schon ihre eigene Erwerbstätigkeit eingeschränkt, nun aber arbeitete sie als „mithelfende Familienangehörige“ intensiv im Betrieb ihres Mannes, machte das Büro von der Arbeitsverteilung bis zur Steuer. Auf meine Nachfrage: Sie musste später feststellen, dass sie als mithelfende Familienangehörige nicht ordentlich rentenversichert worden war, was sich natürlich negativ auf ihre Rente auswirkte. Dennoch stand im Zentrum ihres Lebens die Familie mit den Kindern.
Mit der Wiedervereinigung erweiterte sich für einige Jahre die Kundschaft mit neuen Aufträgen, später ging beides wieder zurück. Einige Jahre vor ihrer Rente beschlossen Dieter und sie, mit dem Betrieb aufzuhören und ihre letzten Jahre gemeinsam zu genießen. Das taten sie auch, vor allem durch Reisen. Bis dahin hatten sie nicht einmal Urlaub genommen.
Ihr Mann Dieter, der sie immer „Mama“ nannte, bekam verschiedene Krankheiten, vor allem litt er an Herzinsuffizienz und an Prostatakrebs. Es kam einiges zusammen, aber er hat nie geklagt. 2025 (??) starb er. Einsam fühlt sie sich als Witwe nicht, sie hat eine große Familie und viel Besuch.